Hallo Herr Mosch,
vielen Dank für Ihre ausführliche und sehr informative Antwort. Ich versuche die Sache aus meinem Blickwinkel noch etwas weiter zu beleuchten, noch einige weitere Infos zu geben und freue mich auf Ihre Rückmeldung:
Deine Ausgangssituatuion ist beim Strabismus (Schielen) durchaus sehr häufig anzutreffen. Deshalb stehst Du da keinesfalls alleine dar. Auch Depressionen finden sich in diesen Fällen gar nicht so selten. Gut das Du darüber so offen sprechen kannst.
Ich bin froh, dass ich mittlerweile so offen über die meisten Dinge sprechen kann, dass war nicht immer der Fall. Durch die Depression habe ich mich lange Zeit sehr zurückgezogen und mir ist es auch nie leicht gefallen auf Personen zu zugehen. Das Schielen stört mich dabei solange ich mich zurückerinnern kann und ist so wie ich das heute sehen würde mit ein Grund, warum es zu dem Rückzug kam. Ich habe mir zwar oft gesagt, es ist nicht so tragisch, aber ich merke auch heute noch, dass ich in vielen Situationen nicht auf Leute zugehe, weil mir das Schielen immer wieder bewusst wird. Darüber konnte ich in einer Gruppentherapie bisher auch nicht gut sprechen. Mein Weg zu einer Weiterbehandlung des Schielens wäre deshalb zunächst nochmal über einen Therapeuten. Zusätzlich habe ich Ende August ein Beratungsgespräch bei meinem Augenarzt vereinbart. Um die Möglichkeiten weiter abzuklären.
Wahrscheinlich hast Du bislang im Leben nie sichtbare Doppelbilder gehabt. Denn diese wurden als Kind generell physiologisch, und in Deiner Sehschulbehandlung durch das Abkleben eines Auges unterdrückt. Das einäugige Fixieren wurde zu einem, in Deinem Fall, alternierendem (wechselseitigem) monokularen (einäugigen) Einfachsehen geführt bzw. erzogen. Dies gilt auch heute noch als ein erstrebenswertes Ziel in der Augenheilkunde. Durch die "alternierende" Sehfunktion werden beide Augen weiterhin beim Sehen genutzt und es kommt nicht zu dem krassen Leistungsabfall eines sogenannten Schielauges. Da beide Augen "wechselseitig" am Sehen teilnehmen. Im Vorschul- oder häufig im Grundschulalter wird dann der Schielwinkel reduziert durch einen ersten OP-Eingriff. Dabei wird der Schielwinkel gerade nicht komplett ausgeglichen, um der Möglichkeit bleibender Doppelbildeindrücke zu entgehen. Üblicherweise bleibt man in einer Unterkorrektion und berücksichtigt dabei allermeist nur selten bestehende Höhenabweichungen.
Soweit ich mich erinnern kann hatte ich nie Doppelbilder, ich weiß auch nicht, wie ich als Kleinkind / Säugling gesehen habe. Die Sehschulbehandlung mit abkleben der Augen fängt ja meist sehr früh an. Die Prozedur war in etwa so wie von Ihnen beschrieben, wie weit der Schielwinkel damals ausgeglichen wurde, kann ich aber nicht sagen. Ich weiß nur, es war zu dieser Zeit Innen-Schielen, jetzt ist es Außen-Schielen, eine Höhenkorrektur gab es soweit ich weiß nicht. Ich bin mir nicht sicher, was in diesem Fall ein krasser Leistungsabfall des schwächeren Auges wäre, aber für mich sind 0,5 Dioptrien viel?
Da beide Augen in frühester Kindheit so gut wie nie zu einem funktionalem beidäugigen Einfachsehen herangeführt wurden (durch prismatisch wirksame Prismenkomponenten per Brillenkorrektion, konnte auch kein Zusammenspiel in den Sehbahnen im Gehirn per Synapsen verschaltet werden, stattdessen prägten sich einäugige Sehbahnen und Strukturen im Gehirn aus. Heute geht man mit Respekt in diesem Zusammenhang an weitere Schielkorrektionen heran, denn durch unsere visuell sehr stark geprägte Leistungswelt besteht eine nicht ausschließbare Gefahr, auf dieser Grundlage zu Doppelbildern zu kommen. Die Grenzen zwischen Restschielwinkel und Doppelbildern sind fließend. Die Kosmethik ist vor diesem Aspekt medizinisch gesehen zweit- oder drittrangig angesiedelt. Soweit der ganz allgemeine Hintergrund zur Sache.
Ich verstehe, dass es durch weitere Schielkorrekturen zu eventuellen Doppelbildern kommen kann. Das ist mit ein Grund, warum ich trotz meiner Depression viel Respekt vor einer OP habe, die Frage ist für mich immer, wie hoch das Risiko ist und wie gut eventuelle Nachbehandlungen dem entgegenwirken können. Auf der einen Seite schäme ich mich ehrlich gesagt oft, wenn ich Leuten nicht gerade in die Augen sehen kann, nicht mal mir selbst, was mich in vielen Situationen zurückhält, auf der anderen Seite mache ich mir sorgen um eine weitere Verschlechterung nach der OP.
Sie sprachen davon, dass der Schielwinkel oft nicht komplett kompensiert wird, ich kann Ihre Argumentation nachvollziehen. In meinem Fall kann ich noch dazu sagen, dass es sich teils nicht um einen geringen Schielwinkel handelt. Es ist praktisch so, dass ich, wenn ich mit einem Auge sehe, dass andere teils wirklich komplett nach Außen abdriftet und dort "hängen bleibt", bis auf die eventuellen Korrekturversuche die nicht funktionieren. Außerdem bilde ich mir ein dieses abdriften auch im Alltag zu bemerken durch Muskelspannung in besagtem Auge. Ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben soll, und ob das überhaupt möglich ist oder ob es sich um die von Ihnen beschriebenen Phantomschmerzen handelt. Es würde mir ja schon eine kleine Korrektur genügen, damit die Augen nicht immer komplett abdriften. Haben Sie dazu eine Idee?
In Deinem Fall kommt die Depression mit zum Tragen. Diese wird medizinisch ganz sicher eher als erschwerender Faktor eingestuft. Da Deine physische Belastbarkeit eingeschränkter ist. Aus diesem Grunde wird ein Operateur hier sicher zunächst vor einem solchen Eingriff zurück schrecken. Zumal es in der Spätfolge auch beim Ausbleiben von Doppelbildern immer wieder zu Schielabweichungen kommen dürfte, da keine beidäugige Verrastung im Sehen vom Gehirn her angelegt ist.
Aus oben beschriebenen Gründen ist die Depression sicher ein erschwerender Faktor. Um ehrlich zu sein habe ich die Sache über die letzten Jahre oft abgewägt. Momentan bin ich jedenfalls an einem Punkt, an dem ich bei einigen Erfolgsaussichten eine Operation in Kauf nehmen würde, weil ich mich damit ziemlich entstellt und teils Minderwertig fühle. Die Frage ist was in einer Nachbehandlung machbar ist, falls Komplikationen auftreten.
Je höher Ihr individuelles Beschwerdemangesment ist, desto sinnvoller könnte der Versuch sein, einen Weg über eine optimale Brillenversorgung nach MKH zu gehen. Dabei braucht es einen sehr erfahrenen Anpassberater, ideal wäre ein Augenarzt, da Strabismusbehandlung als eine medizinische Massnahme gilt. Leider sind Ophtalmologen, die hierin sehr gut geschult sind äußerst selten. Manchmal finden sich auch Kooperationen zwischen Augenärzten und Augenoptikern/Optometristen auf diesem Gebiet.
Wie sähe denn Ihrer Meinung nach eine optimale Brillenversorgung in meinem Fall aus? Meinen Sie eine Prismenbrille? Ich kann mir darunter gerade noch nichts vorstellen.
Je höher das Beschwerdemangesment, desto eher könnte die Entlastung positiv durchschlagen. Auf diesem Wege kann jedenfalls auch jede operative Massnahme vorbereitet werden und falls Doppelbilder auftreten sollten, kann die Vorversorgung (sollte als Brillenreserve greifbar bleiben) im Grenzfall reaktiviert werden. Natürlich wird der Berater in solch einem Fall zunächst versuchen, ob nicht nur eine verbesserte geänderte Korrektion die Doppelbilder wieder beseitigt. Jedenfalls müsste das als Erstmaßnahme umgehend geprüft werden. Übrigens ist dies der Königsweg, um zu Checken, ob die Gefahr von Doppelbildern real auftritt bei einer OP. Ein solcher Weg ist jedenfalls nicht kurzfristig zu sehen, sondern ein langfristig anvisiertes Ziel für funktionaleres binokulares Sehen. Bei dem auch die Zwischenziele aber schon Optimierungen herbeiführen sollten. Hier heißt es zunächst ehrlich, dass der Weg selbst schonmal ein Ziel von Sehverbesserung darstellt. Dies sollte nicht in Monaten, sondern in Jahren gesehen werden. Denn die möglichen visuellen Verbesserungen betreffen immer auch die vorgegebene Sehstruktur und die individuelle Sehverarbeitung des Gehirns in den Grenzen der Machbarkeit.
Ich fühle mich derzeit jedenfalls so gestärkt, dass ich gerne an einer Verbesserung arbeiten würde, wie der Weg auch sein wird und wie lange es auch dauern könnte. Verstehe ich Sie da richtig, dass es sinnvoll wäre, vor der Operation zu prüfen, wie gegebenenfalls eine Korrektur durch die Brille sich auch das Sehen auswirkt, auch auf eventuelle Doppelbilder, oder wie sähe der Weg aus?
Vielen Dank für Ihre Antworten
Viele Grüße
nixor