Hallo Ihr Lieben,
der besseren Übersichtlichkeit halber - und weil ich glaube, dass es noch mehr Personen interessieren könnte - mache ich hier mal ein neues Thema auf, damit es nicht so in meinem Thread untergeht.
Ich würde das gerne mit Euch diskutieren und vor allem auch die Erfahrungen und Gedanken anderer Betroffener, die einen Prismenaufbau hinter (oder vor) sich haben, dazu lesen.
Ich will hier ausdrücklich keine Stimmung gegen einen Prismenaufbau und eine Operation machen - ich ziehe es ja selbst ernsthaft in Betracht. Ich will nur verdeutlichen, warum es für die betroffene Person schwierig sein kann und dass man das berücksichtigen sollte.
Wie Ihr wisst, beschäftige ich mich gerade mit dem Thema, ob ich mich wegen meiner Winkelfehlsichtigkeit (aktuell 24 Prismen Basis außen und 1,5 Höhe, Tendenz steigend) einer Operation unterziehen und vorher den dazu angeratenen Prismenaufbau durchführen soll.
Nun ist es bei mir so, dass meine Winkelfehlsichtigkeitsbeschwerden unregelmäßigen Schwankungen unterworfen sind. Manchmal kann ich wochenlang ohne jegliche Korrektion auskommen und habe nur alle paar Tage mal kurz ein geringfügiges Ziehen in der Stirn. In anderen Zeiten würde ohne Brille mein Kopf regelrecht explodieren. Zudem tendiere ich dazu (nicht immer), bei starker Müdigkeit bei Fernsicht und beim Lesen kurzzeitig doppelt zu sehen.
Darüber hinaus presse ich nachts die Zähne aufeinander und habe links einen Tinnitus und mein Nacken ist regelmäßig verspannt. Das alles wurde durch meine Prismenkorrektur aber nicht verbessert, geschweige denn behoben.
Dies will ich als Hintergrund vorausschicken.
Nun wurde mir in dem anderen Thread deutlich dazu geraten, einen Prismenaufbau zu betreiben und mich dann operieren zu lassen. Ich will mal damit anfangen, mich mit meinen Bedenken hinsichtlich einer OP auseinanderzusetzen und hätte gerne Eure Meinungen dazu.
Die Operation
Hier ist zu lesen, eine Schiel-OP sei ein relativ einfacher Eingriff. Das mag sein. Trotzdem ist eine Operation aber ein Eingriff in ein bisher intaktes körperliches System. Das Auge wird irgendwie geöffnet, der Muskel wird abgeschnitten und wieder zusammengenäht (untechnisch ausgedrückt); währenddessen braucht man eine Narkose. Selten, aber möglich sind Narkoseschäden, Wundheilungsstörungen, OP-Fehler, Doppelbilder usw.. Nach der OP ist man für mehrere Wochen außer Gefacht gesetzt. Will ich mich also "nur wegen Kopfschmerzen" aufschneiden lassen?
Ich weiß es nicht.
Für mich ist das ein bisschen wie eine Schönheitsoperation: Es ist nicht lebensnotwendig, aber man leidet vorher unter einem Zustand und man hofft, sich hinterher besser zu fühlen.
Das soll nicht abwertend klingen und ist auch nicht so gemeint, denn auch Schönheits-OP-Patienten können vorher einen großen Leidensdruck entwickeln. Aber es ist eben was anderes als eine lebenswichtige Operation oder eine Operation, ohne die man z.B. sein Bein nie wieder bewegen könnte, weil das Knie sonst versteift o.ä..
Sprich: Man hat die freie Wahl. Und mit der tue ich mich gerade schwer.
Der Prismenaufbau
So, und jetzt zum anderen schwierigen Teil. Der Prismenaufbau vor einer OP bedeutet in den meisten Fällen (so auch in meinem), dass man viele Monate lang - und wenn man realistisch ist, ggf. sogar mehrere Jahre lang - Brillen mit extrem hohen Prismenwerten trägt. Aufgrund der gewollten ständigen Steigerungen wird man teilweise Folien benutzen, wenn man das nötige Geld investiert ggf. manchmal auch neue Gläser.
Ich bin jetzt bei 24 Prismen und merke, dass die nicht mehr reichen. Vermutlich werde ich bei der nächsten Messung ein paar Prismen mehr brauchen und danach wahrscheinlich noch mehr. Realistisch betrachtet würde ich also in absehbarer Zeit mit deutlich über 30 Prismen herumlaufen. Und jetzt stellt Euch bitte mal die dazugehörige entsprechende Brille vor: Die Ränder, die bei mir jetzt schon an die 2 cm dick sind, werden dann noch erheblich dicker sein. Von vorne betrachtet werde ich komplett nach innen schielen (wobei ich wohl bemerkt ohne Brille, ohne die ich ja momentan auch tageweise auskomme, kein bisschen schiele). Oder aber ich laufe herum mit einer 2 cm dicken Brille und einer Folie auf einem Glas - was sich dann so darstellt, dass ich mit dem einen Auge leicht nach innen schiele und sich das andere hinter einer Folie befindet und komplett an der Nase klebt. In beiden Fällen werden all die, mit denen ich spreche, nicht wissen, wo ich gerade hingucke.
Ich selbst habe - bis auf eine Optikerin - noch nie jemanden mit einer solchen Brille gesehen, und ich vermute, dem übergroßen Rest der Bevölkerung geht es ähnlich. Man muss also damit rechnen, dass die Menschen, die einem begegnen, irritiert sind.
Nun mag man das noch einigermaßen geräuschlos über die Bühne bringen können, wenn man in einem Büro mit fünf Kollegen arbeitet und sonst wenig Außenkontakt hat. Dann informiert man eben seine fünf Kollegen und vielleicht seine Familie einmal und das Thema ist durch.
Es arbeiten aber nicht alle nur mit fünf Kollegen und ohne wesentliche andere Kontakte.
Hier im Forum kling immer so durch, dass das Aussehen zweitrangig sein muss, wenn es um den Prismenaufbau geht.
Ich möchte hier keine weiteren beruflichen Details bekanntgeben, nur ein paar Beispiele als Denkanstöße, wo ich eine starke Prismenbrille oder eine starke Prismenbrille mit Folie schwierig finde:
-Als Richter/in: Ich finde es schwierig, eine Verhandlung zu führen und Zeugen zu vernehmen, wenn die nicht wissen, wo der Richter/die Richterin hinguckt und ich finde es auch schwierig als Richter/in, mit dem nötigen Selbstbewusstsein aufzutreten, wenn man weiß, wie man jetzt aussieht. Ich hätte die Sorge, dass die Würde des Gerichts darunter leidet.
- Als Lehrer/in: Lästereien der Schüleinnen und Schüler sind vorprogrammiert. Manchen mag das egal sein, anderen nicht. Ansonsten siehe oben.
- Als Bundestagsabgeordnete/r: Man hält Reden im Parlament, spricht vor Ort auf Podiumsdiskussionen vor großen Gruppen unbekannter Personen, hat Besprechungen mit Mitarbeitern, macht Firmenbesuche mit Presse, spricht mit bislang unbekannten Bürgerinnen und Bürgern über deren Anliegen. Schwierig, wenn man völlig anders aussieht als sonst - und zwar ziemlich seltsam und unschön. Und schwierig, wenn niemand weiß, wohin man guckt.
Als Polizeibeamter/-in: Mal abgesehen vom Sicherheitsaspekt (Anforderungen an die Sehfähigkeit? Man wird sich ja nicht jahrelang krankschreiben lassen können), finde ich es schwierig, Gespräche mit Hilfesuchenden Bürger/innen oder auch mit Gefährdern usw. zu führen, wen niemand weiß, wohin man guckt und wenn man selbst eher hilfebedürftfig aussieht.
- Als Führungsperson: Das ist eigentlich ähnlich wie die vorherigen Berufe. Ich würde als Führungsperson nicht mit all meinen Mitarbeitern über meine gesundheitlichen Einschränkungen diskutieren wollen - ich wüsste aber, wenn ich so aussähe, dass SIE es untereinander tun. Ich hätte den Eindruck, dass der Respekt darunter leidet. Darüber hinaus fände ich es schwierig, Mitarbeitergespräche zu führen und Meetings zu leiten, wenn meine Augen komplett zur Nase gucken und niemand weiß, wen ich gerade ansehe.
- Im Vertrieb/generell im Verkauf: In vielen Branchen dürfte es den Vorgesetzten schwer zu vermitteln sein, plötzlich im direkten Kundenkontakt schielend und mit Folie auf der Brille aufzutreten. Ich glaube auch, dass es nicht unbedingt verkaufsfördernd ist. Das mag oberflächlich sein, aber so sind die Menschen. Bestimmte Produkte (die meisten) kauft man lieber von schönen Menschen, weil man unterschwellig den Eindruck hat, das Produkt sei dadurch besser. Ist Quatsch, aber das ist Verkaufspsychologie.
Mir fallen noch mehr Beispiele dazu ein, aber ich glaube, mein Text ist lang genug
.
Jetzt hätte ich gerne Eure Gedanken und Erfahrungen dazu.
Gibt es hier jemanden, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat? Habt Ihr den Prismenaufbau trotzdem durchgezogen? Wie war das?

