Natürlich muss ein Buch mit dem Titel "Titos Brille" in einem Optikerforum besprochen werden 
Mir ging es bei dem Buch ähnlich wie Don, ich mochte es einfach nicht. Dabei war mir lange nicht richtig klar, warum, aber ich habe es mit ziemlichem Widerwillen zu Ende gelesen. Ich finde das Buch wirklich nicht gut und wundere mich über die große Anzahl von guten, zum Teil fast euphorischen Besprechungen, die das Buch begleiten. Ich kann das nicht nachvollziehen, habe aber den Eindruck, dass sich in Deutschland bei dieser Thematik keiner traut, offen zu sagen, dass ihm das Buch nicht gefällt. Ich versuche jetzt einmal, in ein paar Punkten darzulegen, warum ich das Buch für nicht gelungen halte.
1. Kein klares Thema. Soll es nun um die Vergangenheit und die Erfahrungen der Eltern gehen oder um die Befindlichkeiten der zweiten Generation von jüdischen Einwanderern in Deutschland? Ich schätze eher um zweiteres, aber das ist nicht so ganz klar. Dieser Mangel an Linie und eindeutiger thematischer Festlegung führt zu einer gewissen Verwirrung des Lesers, außerdem dazu, dass beides oberflächlich und nicht adäquat behandelt wird.
2. Achronologisches Erzählen. Die Erzählerin springt bei ihrer Erzählung zeitlich quer durch den Gemüsegarten. Mal trifft sie sich mit ihrem Freund R. in der aktuellen Zeit, dann steht sie am Krankenbett der Mutter, dann erinnert sie den Vater und seine Erfahrungen während der Partisanenzeit. Nun ist es, wenn man anspruchsvolle Literatur schreiben will, mittlerweile ja nahezu verpönt, chronologisch zu berichten, aber was will die Autorin denn noch alles? Sie nimmt sich einfach zu viel vor, packt zu viel in ihr Werk. Ich würde meinen, es geht ihr um das Thema, also hätte sie besser chronologisch erzählt, da wesentlich leserfreundlicher. Ich bin mir sicher, das Buch hätte dadurch gewonnen. Durch diese ewigen Sprünge werden die wichtigen Themen verwässert. Sie kann es auch nicht wirklich, achronologisches Erzählen ist eine Kunst, dann wirkt diese auch beim Leser, Frau Altaras beherrscht diese Kunst eindeutig nicht.
3. Ironiemodus. Das Thema ist ernst, ernster geht es kaum. Es ist auch wichtig. Und es ist kompliziert. Nun wird das Thema um Holocaust und Lager ja zumeist ernst beschrieben, oft ja auch mit kaum erträglichem Pathos. Das kennen wir. Das ist irgendwo ja auch angemessen. Nun wollte die Autorin auch hier ganz schrecklich modern und locker-flockig daherkommen und hat die Ironie als dominanten Diskurs gewählt. Dass das nicht unbedingt funktioniert, zeigt das Buch. Vielleicht könnte es funktionieren, wenn die Ironie gekonnter bedient würde. Es gibt Beispiele dafür, sowohl im Print- wie im Filmbereich. Herrliche Filme, bei denen der Holocaust plötzlich fröhlich daherkommt und es einem das Lachen im Halse steckenbleibt. Bei diesem Buch ist die Ironie fehl am Platz.
4. Bloßes Nacherzählen von Familiengeschichten. Viele Leute möchten Bücher schreiben und wissen nicht, wie sie das anstellen sollen. Also setzt man sich hin, und wenn man eine nicht ganz alltägliche Familie hat, beschreibt man einfach diese Familie, deren Geschichte, vermischt das mit der eigenen Befindlichkeit und fertig ist der Bestseller. Man gewinnt insgesamt den Eindruck, dieses Verfahren ist momentan en vogue und wird zum Teil schon fast manisch praktiziert. Ich sage nur Knausgard. Dass man damit nicht nur die eigene Frau in den Wahnsinn treibt, sondern auch die Leser vergrault, scheint bei vielen noch nicht angekommen. Literatur gilt nach wie vor als Kunst und sollte bearbeitet werden. Anders gesagt: Es genügt nicht, eine außergewöhnliche Familie zu haben, um ein gutes Buch schreiben zu können. Ich finde es auch unseriös: Hat es die Mutter wirklich verdient, so beschrieben zu werden? Der Vater kommt besser weg, was uns einiges über Frau Altaras, die Autorin, verrät, was sie uns aber leider nicht sympathischer macht.
Fazit: Die Autorin wollte mehr als sie kann. Und sie klebte zu sehr an der tatsächlichen Geschichte ihrer Familie, die in der Form nur schwerlich wirklich einen interessiert. Völlig überflüssiger Ballast diese elend langen Belanglosigkeiten, wie auch Don schon anmerkt, ob die Tante nun plötzlich auflegt oder nicht. Es ist der Autorin nicht gelungen, die wirklich interessanten Aspekte ihrer Familie herauszuarbeiten. Die Persönlichkeiten alle merkwürdig flach, die Ereignisse eine Abfolge von Belanglosigkeiten, wo das wirklich Interessante kaum zu entdecken ist. Etwas Bearbeitung und Struktur hätten dem Buch nicht geschadet. Letztendlich spiegelt die Geschichte sehr gut die Patchwork-Karriere der Autorin wider, die wohl schon alles gemacht hat (Regisseurin, Schauspielerin, Autorin), aber es in nichts zur Meisterschaft gebracht hat. So erscheint einem auch dieser diffuse Erzählbrei in diesem Roman.
Dabei geht es um wirklich wichtige Themen: Erfahrungen der Eltern in Lagern, Judenverfolgung, die große Schwierigkeit der sozialistischen Staaten im Umgang mit Juden nach dem Holocaust, die Probleme der zweiten und dritten Generation. Jedes für sich ist das ein wichtiges und ernstes Thema, zu dem es viel zu sagen gibt. Jedes Thema für sich ist hochkomplex. All diese Themen in so einem Buch dermaßen zu verwursten, ist nicht angebracht und auch der Thematik nicht angemessen.
Das neue Buch der Autorin heißt "Doitscha. Eine jüdische Mutter packt aus" (schon der Titel an sich ist schauderhaft). Hier geht es wohl um einen ihrer Söhne und seinen Ausbruch nach Israel. Da ihr erstes Buch ja ein Erfolg war (viel gekauft, in Rezensionen gut besprochen, siehe oben, wahrscheinlich kaum wirklich gelesen), ist davon auszugehen, dass sie auch diese Thematik wieder auf die gleiche Weise bedient. Ich verzichte gern auf eine Lektüre. Und wetten: es wird sich wieder keiner der bekannten deutschen Rezensenten trauen, dieses Buch schlecht (und ehrlich) zu besprechen.
LG
Jan 