Hallo Abby,
Du stellst gute Fragen! Das Antworten fällt aber etwas schwer, da es ganz unterschiedliche Ausgangsstadien gibt.
1. Prismenaufbau:
Darunter versteht man ein Abarbeiten von Verspannungen bei fixierten Sehen über beide Augen (also erstmal ohne eine Schielproblematik), Die anfangs noch sehr fest verriegelten Verspannungen, verstecken letztlich die wahren Fehlwerte und machen sie anfangs für Messungen unzugänglich. Mit jeder weiteren Messung wird der Restfehler immer mehr ergründet und kommt als Korrektion mit in die Brille. Zeiträume und Zahlenwerte sind individuell und nicht pauschal fassbar. Mancher läuft zeitlebens mit Teilkorrektionen herum, ohne dies zu bemängeln.
Will man aber auf eine Schiel-OP hinaus, macht es Sinn, durch vorgelagerte Messungen (und Korrektionen) im Abstand von drei Monaten bis max. 3/4 Jahr, möglichst nah an den Gesamtfehlwert zu gelangen. Denn durch die Reorganisation im Sehen nach dem Eingriff kann der sonst avisierte OP-Wert im ungünstigeren Fall regelrecht verpufft sein!
Im Fall von echtem Schielen kann zudem erschwerend hinzu kommen, dass der gemessene Schielwinkel unecht war und dadurch der Operateur sich täuschen ließ. Dann stellt sich nach der OP ein anderer neuer Schielwinkel ein, vorallem dadurch begünstigt, dass die Augen vorher immer so standen, dass eine funktionelle optimale Zusammenarbeit unmöglich war. Teils wird einer funktionellen Zusammenarbeit beim Schieler durch das Ausweichen eines Auges unbewust begegnet. Diese Wettstreitphänomene wären besser im Vorfeld durch einen dies abfedernden Prismenausgleich angegangen worden. Ein solcher "Prismenaufbau" ist grundsätzlich schwieriger, da er einerseits das Risiko "Doppelbilder" beinhaltet und andererseits die geprägten synaptischen Verschaltungen zwischen Augen und visuellem Cortex berücksichtigen muss. So kommt es teils zu plötzlich völlig unerwarteten Reaktionen, die dann umgehend korrigierend abgefangen werden müssen. Das ist jedenfalls kein klassischer Prismenaufbau, In seltenen Fällen steht am Ende ein kleiner sehr versteckter Fehlwert, der Ursache für einen anfangs sehr großen Schielwinkel war. Immer aber zeigen letztlich nur die Augen den Weg durch das anfängliche Labyrinth. Als Augenoptiker bleibe ich Fährtenleser, mehr nicht. Verstehe ich mein Handwerk gut, wird mir mein Kunde folgen wollen, wenn nicht ...
2. Alltagsbewältigung:
Hier verweise ich auf die letzten zwei Sätze im Vortext. (Je mehr ein Augenoptiker das Ergebnis selber zu beeinflussen sucht, desto höher muss die Toleranzschwelle seiner Kunden sein.) Nicht immer hilft "viel" viel, aber ein "etwas" ist oft sogar zu wenig. Ein wesentliches Problem über Ansichten zu binokularer Korrektionen, liegt darin begründet, das falsche Werte häufig unverträglich bleiben. Denn bei gestörten Binokularverhältnissen hat man sich ja mit dem eigenen Sehmuster bislang am Längsten (und am Besten?) arrangiert.
3. Prisma und Schielen (mit Hinweisen nach OP-Eingriffen):
Schielen ist dezentrierte Fixation! - Auch dann, wenn man hinter Prismen immer noch weiter schielt!
Hinter einer prismatisch korrigierten Brille stehen die Augen zwar nicht mehr in der Null- (oder Ortho-) Stellung. Aber in aller Regel unter perfekt(er)er Fixation und unter einer entsprechend entlasteten, individuell angeborenen Grundhaltung des Augenpaares. Im Idealfall perfekt, mit überprüfbarer guter Fixation und ideale Grundstellung des Augenpaares, eben stressfrei!
Man erhält durch die Korrektion die gleichen günstigen Voraussetzungen, die Augenpaare nutzen, die in der Null- bzw. Orthostellung keine WF aufweisen. Deshalb ist die Augenstellung hinter einer Prismenversorgung keinesfalls eine Schielstellung, sondern eine individuelle, äußerst komfortable zu nutzende Grundstellung. Bei hohem Fehlbetrag der WF kann der Winkelbetrag durch eine OP reduziert werden. Selten wird dieser durch OP voll erwischt, da eine OP grobere Winkelstrecken vorgibt. Aber nach Eingriffen, die sich stabilisiert haben, bietet sich an, auch Restfehler optimal zu erfassen.
Befürchtete Nachrutscheffekte aufgrund einer OP sind deshalb allermeist, zwar seltene, aber wertmäßig hohe Störungen einer WF. Hier wird man in jedem Fall, wenn keine Doppelbilder stören, die Korrektion später mittels "Prismenaufbau" weiter führen. Dabei sollte dem Augenpaar immer ein Zeitfenster zur eigenen Reorganisation von drei Monaten bis max. einem Jahr gelassen werden. Nur bei Doppelbildern greift man möglichst umgehend ein, denn hier bietet sich eine echte und sehr gute Chance zu einer besseren, doppelbildbefreiten Re-Organisation im Gesamtsehen. Versäumt man hier die rechte Zeit, wird das Dilemma nur noch fester verriegelt und verfestigt. Übrigens, auch bei einer "Nur WF" sollte man die eher sehr selten auftretenden Doppelbilder umgehend und korrekt korrigieren. Allermeist war nicht die OP falsch, sondern nur die OP-Vorbereitung zu kurz, d.h. der Restfehler wird sich wieder niedriger einpegeln.