@AgnesMaria
Gerade bei manifesten Schielern sollte man mit Visaultraining sehr vorsichtig sein. Es besteht nämlich die Gefahr ein anderes Sehzentrum "anzuschmeißen" und das alte dann nicht unterdrücken zu können. Und schon haben wir Doppelbilder die nicht mehr verschwinden.
Die gleiche Gefahr besteht bei einer ungünstigen prismatischen Brillenkorrektion und noch viel mehr bei einer ungünstig vorbereiteten Schieloperation. Zudem ist mir KEIN EINZIGER FALL bekannt, bei dem dieses durch Visualtraining(!) passiert wäre.
Mit der Brockschnur trainiert man ja eher das Akkommodations- Konvergenzvermögen. Das kann den exotropen Schielwinkel dann, durch dauerhaft mehr Arbeitsaufwand, verringern. Die ARK bekommt man damit aber nicht weg.
Die Brockschnur ist deshalb ein so wertvolles Werkzeug, weil sie dem Kunden sofort Feedback über die Arbeitsweise des visuellen Systems liefert. Falsche Raumlokalisation (Vergenzstellung) und Suppressionen können sofort und vor allem selber erkannt werden. Für die Akkommodation ist die Schnur nicht so gut geeignet, weil die für den Kunden bedeutungsvollen Details nicht wirklich vorhanden sind.
Dass man eine ARK damit nicht ändern kann, würde ich nicht behaupten. Aber es gibt sicher geeignetere Übungen um eine ARK positiv zu beeinflussen.
Man hat jahrzehntelang versucht, durch Übungen und Training, die falsch verschalteten Neurone, von der Retina bis zum Okkzipitalhirn, zu korrigieren . Es funktioniert leider nicht.
Ich kann nicht sagen, ob sich wirklich die falsch verschalteten Neurone ändern, oder ob sich parallel dazu ein neue Verschaltung etabliert, welche dann schlussendlich überwiegend genutzt wird. Das sind für mich interessante Gedankenspiele und Laborexperimente, deren sich aber gerne Leute annehmen dürfen, welche mehr davon zu verstehen glauben. Mich interessiert vor allem, ob man dem Kunden mit den vorhandenen Möglichkeiten des Visualtrainings bei seinem Sehproblem weiterhelfen kann. Und in vielen Fällen kann man das. Davon geht und ging(!) übrigens auch die für diese Zwecke nützliche Literatur aus [1], [2], [3], [4], [5], [6], [7], [8], [9]. Von „es funktioniert leider nicht“ kann mit diesem Wissen im Hinterkopf somit KEINE Rede mehr sein! Wenn Sie gesagt hätten, dass es weder einfach noch in jedem Fall sinnvoll ist, dann würde ich Ihnen allerdings voll und ganz zustimmen.
Aber das wissen Sie ja.
Dass Sie mich mit dieser kurzen und unscheinbaren Aussage als Lügner und Betrüger bezeichnen würden, nehme ich Ihnen noch nicht übel.
Eine gute Korrektion des Sehfehlers, optisch und strabologisch, ein vorsichtig doziertes Visualtraining, wenn die Voraussetzungen dies möglich machen und es daher sinnvoll ist, und ein operatives Vorgehen bei großen Winkeln, wäre optimal.
Da stimme ich Ihnen zu. Wobei mich interessieren würde, was Sie persönlich unter „vorsichtig dosiert“ und „Voraussetzungen“ verstehen.
GB
[1] Griffin JR, Borstig EJ (2010), Binocular Anomalies, ISBN 978-0-929780-16-0
[2] Press LJ (1997), Applied Concepts in Vision Therapy, ISBN 0-8151-6729-6
[3] Ludlam WM (1961), Orthoptic Treatment of Strabismus, Am J Optom Arch Am Acad Optom 1961;38:369-88
[4] Ludlam WM, Kleinmann BI (1965), The long range results of orthoptic treatment of strabismus, Am J Optom Arch Am Acad Optom 1965;42:647-84
und aus rein historischem Interesse:
[5] Giles GH (1949), The Practice of Orthoptics, Hammond, Hammond & Co LTD London
[6] Gibson HW (1955), Textbook of Orthoptics, Hatton Press LTD London
[7] Lyle TK, Jackson S (1957), Praktische Orthoptik in der Behandlung des Schielens, Verlag Urban & Schwarzenberg
[8] Hollwich F, Cüppers C (1961), Schielen, Ferdinand Enke Verlag Stuttgart
[9] Otto J (1975), Lehrbuch und Atlas der Orthoptik, ISBN 3-456-80133-5