Hallo torschten,
die Werte deiner alten Brille waren schon nicht gerade "leichte Kost" bezüglich der Gewöhnung, deine neue ist noch mal deutlich schwieriger.
Die Zylinder deiner beiden Gläser (links / rechts) bilden einen Winkel von 105°, stehen also fast senkrecht aufeinander. Damit bekommt die zylindrische Vektordifferenz zwischen links und rechts einen Betrag von 1,67 dpt. Die alte Brille hatte eine Vektordifferenz von 0,78 dpt. Auch das war schon nicht unproblematisch. Jetzt aber weit über 1 dpt ist heftig.
Der Grund warum die Zylinder-Vektordifferenz so kritisch ist, liegt darin, dass das Gehirn damit zwei Seheindrücke zur Fusion bringen muss, die in unterschiedliche Richtung gegeneinander verzerrt sind. Dagegen sind auch sehr viel stärkere Zylinderwerte kein Problem für das Sehzentrum des Gehirns, wenn die Seheindrücke beider Augen in gleicher vektorieller Richtung etwas verzerrt sind. Einfach ausgedrückt: Sehen beide Augen ein verzerrtes Bild, das aber für beide Augen genau identisch verzerrt ist, hat das Sehzentrum kein Problem damit, die Seheindrücke zur Deckung zu bringen. Auch dann nicht, wenn beide Augen sehr starke Zylinder vorgesetzt bekämen. Aber eben nur, wenn beide Zylinder gleich sind (Wert und Achse), denn nur dadurch wird die vektorielle Differenz null.
Was kann man tun?
1.) Zylinderbetrag verringern hilft vermutlich deutlich in deinem Fall. Allerdings ist der Zylinder ja wahrscheinlich nicht aus Versehen in die neue Brille rein gekommen. Die Sehschärfe war wohl im Test beim Augenoptiker mit 1 dpt Zylindern besser als mit dem schwächeren 0,5 dpt Zylinder, den Du in der alten Brille hattest.
2.) "Weniger minus" in der Sphäre. Falls eine Brille in Minus-Richtung überkorrigiert ist, dann muss dein Ziliarmuskel dauerhaft eine Akkommodation aufrechterhalten und nicht nur mal zeitweise. Anstrengungsbeschwerden sind sehr schnell die Folge von zu viel 'minus'. Natürlich verliert die Brille an Nutzen, wenn sie eine vorhandene Kurzsichtigkeit unzureichend korrigiert. Dann verbleibt eine Rest-Kurzsichtigkeit, die die Fernsicht beeinträchtigt. Durch den Vergleich mit deiner alten Brille wirst Du das sicher feststellen können, in welchem Maße diese zu schwach war.
Zusammengefasst könnte man sagen: Deine 'alte Brille' gibt schon die Richtung vor: weniger Zylinder-Vektordifferenz und weniger minus sphärisch (0,75 dpt weniger im sphärischen Äquivalent).
Wie bekommt man nun raus, welche der beiden Unterschiede (Zylinder / Sphäre) welchen Einfluss auf die Sehschärfe hat?
Das erkennst Du, wenn Du mit den beiden Brillen im Vergleich einen Sehschärfetest auf einen Abstand von 1m machst. Durch den verringerten Abstand verliert der sphärische Unterschied an Bedeutung, da Du bei 1m-Abstand mit beiden Brillenwerten in einem Bereich landest, bei dem durch Akkommodation die beste Sehschärfe erreicht wird. Die Akkommodation ist aber ein Prozess, der sich an die jeweilige Brille gewöhnen muss. Das bedeutet, dass Du den Test nicht ohne weiteres machen kannst durch rasches Wechseln der beiden Brillen und sofort wieder zurück. Du musst den Augen jeweils die Zeit geben, sich umzugewöhnen.
Wenn das dann nach einiger Zeit geklappt hat, dann siehst Du vorwiegend den Einfluss der stärkeren Zylinder auf die Sehschärfe. Die mögliche Unterkorrektion deiner Kurzsichtigkeit durch das zu schwache sphärische Äquivalent der alten Brille wirkt sich auf 1m Distanz so gut wie nicht aus.
Betreffend der Abweichung der PD noch folgende Anmerkung:
Für eine Einstärkenbrille, wie Du sie hast, ist ein Fehler in der Verteilung PD-rechts / PD-links fast nebensächlich. Die Summe muss halbwegs stimmen. (Bei Gleitsichtbrillen sähe das deutlich anders aus.)
Was heißt halbwegs stimmen?
Es geht um die unerwünschte prismatische Belastung, die durch Dezentration der Gläser entsteht. Bei z.B. -5dpt und einem Abstandsfehler von 2mm (von Puplle zu Pupille) entsteht eine prismatische Belastung von 5dpt*0,2cm=1,0pdpt. Das ist zwar nicht OK für eine 'korrekt gemachte Brille', aber die meisten Menschen werden einen so kleinen prismatischen Fehler nicht bemerken. Natürlich gibt es individuelle Verschiedenheiten und es gibt sicher auch Leute, die schon weniger als störend empfinden. Da die meisten Leute ohnehin leichte Heterophorie-Tendenzen haben, stellt sich bei einem prismatischen Fehler durch Fehlzentrierung mehr die Frage: Wirkt der 'Fehler' negativ oder sogar eher tendenziell positiv?
Mach dazu doch mal folgenden Test (so eine Art 'Primitiv-Version' einer Winkelfehlsichtigkeits-Bestimmung):
Stell dich abends/nachts auf einen Balkon, von dem aus Du den Mond sehen kannst. Betrachte den Mond (mit Brille). Und nun beginne damit, Dir mit einer Handfläche abwechselnd die Sicht jeweils eines Auges auf den Mond zu versperren. Hand dicht an der Stirn. So pendelst Du mit der Hand zwischen dem linken und rechten Auge hin und her. Die Handfläche muss so breit sein, dass Du zu keinem Zeitpunkt gleichzeitig mit beiden Augen den Mond siehst. Je länger du das machst, desto mehr könntest Du ein 'Springen' des Mondes feststellen.
Die Frage nun lautet: In welche Richtung scheint der Mond zu springen, wenn Du die Hand vom rechten zum linken Auge schiebst?
Scheint der Mond etwas nach rechts zu springen (also entgegen der Handbewegung)?
Wenn ja, wie weit? (Bezogen auf den Mond-Durchmesser).
Dann schreib bitte noch, in welche Richtung jeweils die PD der Brille falsch gefertigt war.
Ob es da einen Zusammenhang geben kann, diskutieren wir dann im Anschluss.
(Dass das ganze oben Geschriebene nur meine Meinung ist und andere Teilnehmer dieses Forums das garantiert anders sehen, möchte ich Dir aber schon heute nicht verschweigen.)