Hallo zusammen,
Jan, unsere Ansichten decken sich in vielen Punkten, in anderen nicht. Das ist sicher auch eine Frage des Setzens von Schwerpunkten, da hast Du völlig recht.
Ich persönlich finde es einfach zu weitgehend, die Eltern als Hauptschuldige des Verbrechens zu sehen. Wenn sie die Hauptschuldigen sind, entlastet das auch ganz massiv den Täter! Und wenn sie Hauptschuldige sind, tragen sie den größten Teil der Verantwortung, dass Mirko tot ist und nicht der Mörder!
Und das geht mir zu weit und kann ich beim besten Willen so nicht unterstützen!
Das hat für mich so ein wenig den Beigeschmack, dass der Täter eigentlich „nichts dafür kann“ und nur das Opfer „schuld“ ist! In diesem Fall ist ihm Mirko „unverschämterweise“ – wo der Täter doch gerade soviel Frust erlebt – über den Weg gelaufen (obwohl Mirko vielleicht nicht hätte da sein sollen), so dass der Mörder hier handeln "musste".. in einem anderen Fall wäre vielleicht eine junge Frau, die aus der Disko (entsprechend „aufgetakelt“) nach Hause geht, einem Sexualtäter über den Weg gelaufen, so das dieser vergewaltigen "musste" .. etc.. Schuld ist bei einer solchen Argumentation das Opfer bzw die Eriezhungsberechtigten.., jedenfalls ein anderer..
Unabhängig davon, ob man der Auffassung ist, dass die Eltern einen Fehler gemacht haben, oder ob man der Auffassung ist, dass sie keinen Fehler gemacht haben, gemordet hat allein der Täter! Der hat sich aus völlig nichtigem Grund ein unschuldiges schwaches Opfer gesucht, es wohl missbraucht und ermordet! Es kann dabei keine Rolle spielen, ob das Opfer überhaupt da hätte sein sollen oder nicht!
Die These, dass einem Opfer eines Verbrechens, wenn es nicht da gewesen wäre, anders gekleidet gewesen wäre oder was auch immer Leid erspart geblieben wäre und der Täter dann möglicherweise kein Verbrechen begangen hätte, ist genauso absurd wie die These, dass, da diesem Opfer Leid geschehen ist bzw der Täter die Möglichkeit „zum Angriff hatte“ andere potentielle Opfer verschont wurden.
Ich glaube, bin mir fast sicher, nach allem was Du geschrieben hast, dass Du es sooo sicher nicht meinst!
Dir geht es – soweit ich es verstehe - nicht um eine mögliche Entlastung des Täters, sondern um die Frage, ob und inwieweit die Eltern sich auch schuldig gemacht haben.
Vielleicht wäre es da günstiger, eher nicht irgendwelche Schuld „abzustufen“ sondern die Frage unter diesem Gesichtspunkt zu beleuchten??
Schuld ist natürlich ein weitgehender Begriff. Jemand der „moralisch schuldig“ ist, ist sicher nicht immer „strafrechtlich“ schuldig. Aber Schuld beinhaltet immer ein Element – die Vorwerfbarkeit, wobei man die Vorwerfbarkeit zum Zeitpunkt der Entscheidung beurteilen muss, und nicht, wenn man ein konkretes Resultat hat (hinterher ist man IMMER schlauer)...
Also stellt sich die Frage, welchen Vorwurf kann man den Eltern konkret machen, der zu dem Verbrechen führte?
Dass Mirko so spät abends noch unterwegs war?
Natürlich – wäre er nicht zu der Zeit, als der Täter sich zur Tat entschloss, an dem Ort gewesen, wäre ihm nichts geschehen... Aber so ist die Diskussion müßig... (das Opfer ist immer zur falschen Zeit am falschen Ort... s.o).
Hätten die Eltern Mirko um 21.30 Uhr im Dunkeln gar nicht allein herumlaufen lassen dürfen?
DAS kann ich nicht beurteilen. Es ist immer eine Gratwanderung, wieviele Freiheiten ich meinem Kind lasse, was und in welchem Umfange ich loslasse etc..
Genausowenig wie es gut und richtig ist, sich überhaupt nicht zu kümmern, was das Kind macht, wo es sich befindet etc... ist es gut und richtig, es „überzubehüten“ und es keinen Schritt allein machen zu lassen..
Das richtige Maß zu finden ist schwer. Da kommt es natürlich immer auf die Selbständigkeit des Kindes an. Und natürlich auch wo es sich befindet, wo man die Freiheiten gewährt etc..
Ich bin schon der Meinung, dass ein 10-jähriger in der Regel gegen 21.30 Uhr ins Bett gehört und nicht mehr – doch einige km von zu Hause entfernt – draußen „rumstreunen“ soll! Aber es kommt schon ein wenig auf die Umstände an. Wo war er verabredet? Mit wem? Wussten die Eltern überhaupt, wo er war, oder wähnten sie ihn sicher bei Freunden unter Aufsicht? Das wissen wir alles nicht..
Da können sich schnell Dinge verschieben...
Nach den Presseberichten wissen wir nur, dass die Mutter Mirko irgendwann angerufen hat und „ihn nach Hause beordert hat..“. Dem ist der Junge ja wohl auch nachgekommen..
Mussten die Eltern damit rechnen, dass Mirko auf dem Heimweg etwas passiert?
Klar, eine potentielle Gefahr gibt es immer! Es gibt genug Verrückte die draußen rumlaufen und auch hinter Kindern her sind.. Aber deswegen kann ich meinem Kind nicht verbieten, selbständig einige Wegstrecken zurückzulegen - mit 10 Jahren gegebenenfalls auch mal im Dunkeln! Und – natürlich - ist das Frage des Einzelfalls (welcher Weg, wie selbständig ist das Kind etc..)
Ich bin mit 10 Jahren auch öfter im Dunkeln von meiner Freundin nach Hause gegangen (ca 700 m, allerdings einsame Gegend). Ich habe immer angerufen ich gehe jetzt los, und dann wussten meine Eltern, dass ich in spätestens 10 Minuten daheim war. Wenn nicht, haben sie erst bei meiner Freundin angerufen, ob ich noch nicht losgegangen bin (kam schon mal vor ;.-) und sonst wären sie losgegangen und hätten mich gesucht.
Aber was wäre gewesen, wenn mir doch was passiert wäre, hätten sich meine Eltern ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt gesehen?
Ich denke so ohne weiteres kann man nicht davon sprechen, dass Eltern, die Ihre Kinde im Dunkeln slebständig laufen lassen, Ihre Kinder abartigen Tätern auf dem Silbertablett servieren!
Auch auf dem Schulweg am hellichten Tage passiert oft genug etwas. Trotzdem wäre es sicher falsch, ein „Kind“ bis zum 18. Lebensjahr in die Schule zu begleiten...
Und dann stellt sich die (für mich) entscheidende Frage, ob das Verbrechen verhindert worden wäre, wenn die Eltern rechtzeitig bemerkt hätten, dass Mirko nicht heimgekommen ist..
Auch das vermag ich nicht zu beurteilen. Was wäre gewesen, wenn die Mutter sich kurze Zeit, nachdem sie mit dem Jungen telefoniert hat, auf den Weg gemacht hätte, die Polizei eingeschaltet hätte oder was auch immer?? Hätte das sein Leben gerettet?
Ich weiß es nicht!
Aber natürlich – und da komme ich im großen Bogen wieder zu Jan zurück – finde ich es auch erschreckend, dass die Mutter sich nach dem Telefonat schlafen legt und dem Vater mal eben so Bescheid sagt (wobei der nicht einmal richtig hingehört hat).
Ich habe keine Kinder, aber ich könnte mir nicht vorstellen, dass ich bei einem 10-jährigen nicht noch abwarte, bis er daheim ist, bevor ich ins Bett gehe!
Ich bin mir 100 % sicher, dass weder meiner Mutter noch meinem Vater je „entgangen“ wäre, dass ich im Alter von 10 Jahren nicht nach Hause gekommen wäre..
Aber vielleicht gibt es auch dafür Erklärungen!
Ich denke man kann es wie folgt zusammenfassen:
Einen objektiven Fehler haben die Eltern wohl gemacht, wie (schwer) vorwerfbar der war wissen wir nicht (denn jeder macht Fehler!) und ob er tatsächlich zum Tode von Mirko geführt hat, ist hypothetisch.
Die Eltern werden sich dieses Fehlers bewusst sein und – egal ob schuld oder nicht – ein Leben lang daran zu knapsen haben....
Den Täter kann das aber nicht im geringsten entlasten!!!!
LG Gika 