Ich stelle folgende These zur Diskussion, die aus meiner Sicht primär kein medizinisches oder optisches, sondern ein regelungstechnisches Problem beschreibt und im Folgenden vereinfacht erklärt werden soll.
Fallbeispiel 1
Ein junger Rechtsichtiger erhält eine Lesebrille mit +2dpt aufgesetzt.
Ausgangssituation dadurch Fusionierte aber unscharfe Bilder beider Augen.
Der Regelalgorithmus für Akkommodieren erkennt die Unschärfe und stellt auf „Fern“, es ergehen vom Gehirn Befehle zum
- Abflachen der Linse
- Bewegen der Augen nach außen durch Zug der äußeren Augenmuskeln
Der Regelalgorithmus für Fusionieren erkennt, dass die Fusion verloren geht und stellt dagegen, es ergehen vom Gehirn Befehle zum
- Bewegen der Augen nach innen durch Zug der inneren Augenmuskeln
Fallbeispiel 2
Ein Winkelfehlsichtiger mit Esophorie erhält eine überkorrigierte Prismenbrille aufgesetzt.
Ausgangssituation dadurch Scharfe aber nicht fusionierte Bilder, weil der Blick durch die Brille nach außen gelenkt wird.
Der Regelalgorithmus für Fusionieren erkennt, dass die Fusion fehlt und stellt auf „Nah“, es ergehen vom Gehirn Befehle zum
- Bewegen der Augen nach innen durch Zug der inneren Augenmuskeln
Der Regelalgorithmus für Akkommodieren erkennt, dass die Fusion auf „Nah“ stellt, es ergehen vom Gehirn Befehle zum
- Krümmen der Linse
- Bewegen der Augen nach innen durch Zug der inneren Augenmuskeln
Sofort erkennt der Regelalgorithmus für Akkommodieren die dadurch entstehende Unschärfe und stellt wieder auf „Fern“, es ergehen vom Gehirn Befehle zum
- Abflachen der Linse
- Bewegen der Augen nach außen durch Zug der äußeren Augenmuskeln
Die beiden Regelalgorithmen haben Wechselwirkung und bei Rechtsichtigen oder rein Winkelfehlsichtigen jeweils eine zugeordnete Dominanz
Der Regelalgorithmus für Akkommodieren stellt letztlich die richtige Krümmung der Linse ein.
Der Regelalgorithmus für Fusionieren spannt in jedem Fall die Muskeln, die zur Fusion nötig sind, stärker an, als der Regelalgorithmus für Akkommodieren die entgegengesetzt wirkenden Muskeln anspannt.
In beiden beschriebenen Fallbeispielen kommt es zu Anspannungen entgegengesetzter Muskeln und dadurch zu Anstrengungsbeschwerden.
Bei Schielern ist offensichtlich der Regelalgorithmus für Fusionieren abgeschaltet. Wenn Binokularität angeregt, d. h. dieser Regelalgorithmus durch Stimulanz gestartet wird, kann es zu horror fusionis kommen.
Bei horror fusionis arbeiten beide Algorithmen, kommen aber regelungstechnisch ins Schwingen oder fahren auf Anschlag und es kommt zum Reset (abhängig von Proportional-, Integral-, Differential-Anteil und den Todzeiten des Regelsystems).
Bei Anormaler NetzhautKorrespondenz hat der Regelalgorithmus für Fusionieren einen „Programmierfehler“ in der örtlichen Zuordnung der Sensoren. Viele MKHler unterlaufen durch Nachschieben der Prismen den Regelalgorithmus derart, dass eine kurzfristige Fusion der Bilder erzwungen wird, die keinen Bestand haben kann, weil der Algorithmus einen anderen Fixationspunkt als den richtigen „programmiert“ hat und nach kurzer Zeit wieder nachregelt (dies bewirkt der I-Anteil der Regelung). Das Ende ist vermutlich dann erreicht, wenn die Abbildungsfehler der Gläser gleich groß sind wie die Fehler der ANK.
Eine OP beseitigt die Abbildungsfehler der Gläser und das Spiel kann von vorne beginnen. Irgendwann haben die OPs das Stellglied Augenmuskel so weit verstellt, dass ein Nachschieben von Prismen zu keiner besseren Fusion mehr führt. Jetzt ist der Punkt erreicht, dass nur noch die Fusionsschärfe bleibt, die auch mit viel weniger Prismen schon erreicht war. Dies für den Preis von Operationen mit Risiken und einem „verstimmten“ Regelkreis, was auch Anstrengungsbeschwerden hervorrufen kann.
Masuku

