Liebes Forum,
heute komme ich zur Auswertung meiner im Januar begonnenen Einträge.
Ich beginne mit einem dicken Lob für dieses Forum, das es mir ermöglicht hat, die richtigen Fragen zu stellen und bewerten zu können, ob ich mich (endlich) in die richtigen Hände begeben habe.
Es folgt ein Lob unter Vorbehalt, an all diejenigen, die sich über Jahrzehnte große Mühe mit meinem Schielen gegeben haben und mir viele gute Einzellösungen ermöglicht haben. Unter Vorbehalt deshalb, weil niemand von ihnen meinen Gesamtzustand beurteilen konnte und mich nicht an die richtigen Stellen weiterverwiesen hat (oder konnte).
Zum Schluss dieses Beitrages werde ich schließlich meine (hoffentlich konstruktiv wirkende) Kritik aus Patientensicht/Klientensicht an der Versorgung von Schielern äußern. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich damit eine Weiterentwicklung zum Positiven anregen kann.
Zusammenfassung
Meine Einträge in diesem Thread zeigen die Folgen der Entgleisung mehrerer Mikroschiel:wink:el (eso, exo, vertikal) durch Prismen und die Folgen einer spontanen Fusion nachdem durch das Tragen von MKH-Prismenbrillen mit schrägen Prismen bei mir binokulares Sehen angeregt wurde,
2001 mit sehr vorsichtiger Unterkorrektur,
2006 mit Werten die mit dem Stereovalenztest für möglichst annäherndes Binokularsehen ausgereizt wurden.
Vor und während der meisten Zeit des Tragens der beiden Brillen hatte ich kein räumliches Sehen.
Zur Verträglichkeit Beide Brillen habe ich subjektiv als gut verträglich empfunden. Ich habe sie regelrecht “geliebt”. Doch das subjektive Empfinden kann böse täuschen, wenn die Verschlechterung des Sehen schleichend(über mehrere Monate oder auch Jahre) geschieht.
Zum besseren Verständnis hier zur Erinnerung die Vorgeschichte
Schielananmnese & Schieltyp
Sichtbares Schielen ab 3.
Diagnose bereits damals http://de.wikipedia.org/wiki/Konvergenzexzess#Hyperkinetischer_.28normak... " title="http://de.wikipedia.org/wiki/Konvergenzexzess#Hyperkinetischer_.28normak... ">akkomodativer Konvergenzexzess, Eso (frühkindliches Innenschielen ist eine Schielform ohne Binokularsehen, vgl. Wikipedia Orthoptik -> Schielerkrankungen) – Absetzen der OP nach Prismenfolientest wegen Tendenz zur Selbstkorrektur.
Behandlung mit Okklusionspflaster">http://de.wikipedia.org/wiki/Augenpflaster#Okklusionstherapie]Okklusi..., orthoptischen Übungen, Penalisation R (diagnostisch Augentropfen, Milchglas, Überkorrektur) im Alter von 4-8, später Bifokalbrille inklusive Überkorrektur R.
Bifokal kombiniert mit Penalisation R werden bis zum Alter von 12 weitergeführt.
Danach Umstieg auf einfache Gläser, Überkorrektur R bleibt bis zu einer leichten Kurzsichtigkeit von – 0,25 ab ca. 16.
Ab ca. 16 es bleibt ein Mikroschieler">http://de.wikipedia.org/wiki/Schielen#Mikrostrabismus]Mikroschieler[/...
Um zu vermeiden, dass R noch stärker kurzsichtig wird, Umstieg auf leichte Überkorrektur L (¼ Dioptrin), keine Korrektur R (historisch L +3,00 // R 0,00 bei historischem Refraktorwert L +2,75 // R -0,25).
Diese Korrektur trage ich ab ca. 16.
Bis 1/2008 habe ich keinerlei Ahnung, was für eine Zeitbombe (Mikroschielen) ich mit mir herumtrage.
Erste Doppelbilder mit 20
Ab 20 (1987) erste leichte Doppelbilder von R.
Ich kann mit und ohne Korrektur gleich gut sehen.
Mit Korrektur Doppelbilder von R unter Stress, ohne Korrektur keine Doppelbilder dafür zeitweise Kopfschmerzen.
Aufgabenteilung mit Korrektur L für die Ferne, R für die Nähe.
Aufgabenteilung ohne Korrektur R macht alles.
Schlechte Versorgung für Schieler kein passender Augenarzt, der Optiker springt ein
Mein Strabologe und dessen Orthoptik, die mich ich als Kind behandelt haben, sind inzwischen in den Ruhestand gegangen. Ich finde keinen neuen passenden Augenarzt, die Augenärzte, die ich aufsuche, helfen mir nicht richtig, mein Optiker springt ein Konstantes Sehen bis 2001.
Erste Prismenbrille 2001
2001 erste Bildschirmmüdigkeit.
Da keine passender Augenarzt greifbar ist, ich gar nicht weiß, was für ein Problem ich habe und mein Optiker-Team früher mit meinem Kindheits-Strabologen zusammengearbeitet hatte, vertraue ich mich ihm an.
Erste Prismenbrille 2001, schräge Prismen, Werte
R -0,25 / xx / xx / 2,25cm / Basis 333° / Visus 1,2
L +2,25 / -0,50 / 90° / Basis 153° / Visus 1,2
Vermessen u.a. mit MKH, aber nicht nur.
Diese Brille verschafft mir über die ersten Tage erstmals rudimentäre räumliche Eindrücke (auf der rechten Seite ragen mich die Dinge an).
Dieser Effekt verliert sich schnell.
Heute weiß ich, dass ich mit dieser Brille bereits die ersten Seh-Probleme bekam
beginnend mit übermäßiger Müdigkeit am Abend
gefolgt von Korrekturlesen geht nur mit Lineal
und schließlich zunehmender Trittunsicherheit
Brillenpause 2003-2005
2003 geht diese Brille kaputt.
Ich steige zurück um auf Einäugigkeit. R macht wieder alles.
Ende 2005
erste (wie ich heute weiß manifeste Schiel-) Probleme bei der Bildschirmarbeit Die Zeilen laufen ineinander bzw. auseinander. Ich übersehe Textpassagen und lese Absätze doppelt.
Die Beschwerden werden so schlimm, dass ich sofort eine Brille benötige.
Erster Besuch bei einem belgischen Augenarzt.
Der stellt Schielen fest und schickt mich zu dem Optiker, mit dem er zusammenarbeitet, mit einem Rezept für eine Prismenbrille.
Der Status der Binokularität wurde nicht eingehend untersucht.
Zweite Prismenbrille 2006
Da ich von all dem keine Ahnung habe gehe ich voller Vertrauen zu diesem Optiker.
Umzugsbedingt komplette Neuvermessung der Brille nach MKH in Kombination mit Zeiss-Pola.
Wieder schräge Prismen.
Werte
sph cyl A Pr B Add
R -0,50 0,25 110 2,77 336
L +2,00 0,25 172 2,47 156
Stereovalenztest für die Bestimmung der Prismen, um mein Sehen so nah wie möglich an Binokularität heranzuführen.
Auch diese Brille vertrage ich zunächst hervorragend. Rudimentäres räumliches Sehen über die ersten 2-3 Monate.
Die asthenopischen Beschwerden nehmen zu
Die Seh-Probleme stellen sich schleichend und von mir zunächst unbemerkt ein.
Ich begreife meine Probleme als stress- und psychischbedingte Schusseligkeit.
Mitte 2007 verstärken sich die Probleme
Ich kann mich nicht mehr konzentrieren.
Lesen mag ich nicht mehr.
Ich sehe immer häufiger Doppelbilder mit Brille.
Ohne Brille keine Doppelbilder.
Ich fühle mich immer schlechter, habe aber keine Ahnung, warum das so ist.
12/2007 ich kann nicht mehr schreiben.
Dann jährliche Kontrolle beim Augenarzt.
Der AA sieht, dass ich die Bilder nicht mehr zusammenhalten kann und spricht erstmals von einer OP.
Ich sträube mich dagegen. Es geht doch auch so.
Rezept wahlweise für Lesebrille mit Prismen bzw. Kontaktlinse L.
Keine Kontrolle des Tränenfilms.
Besuch beim Optiker. Der rät von einer OP ab. Augenarzt und Augenoptiker widersprechen einander, wie ich es bereits etliche Male, auch in Deutschland, erleben durfte. Ich bin verunsichert, vertraue dem Optiker.
Er rät mir von einer Lesebrille mit Prismen ab. Tatsächlich bräuchte ich für jede Entfernung ein anderes Prisma, ein Wechsel zwischen den Prismen würde die Werte immer aufs Neue durcheinanderwirbeln.
Ich habe keine Angst. Wir sprechen über eine Kontaktlinse L. Bei der Frage nach dem Umsteigen von Prismen auf Kontaktlinse erhalte ich keine eindeutige Antwort, ob dies überhaupt möglich ist. Aufgrund meiner früheren Erfahrung mit der Prismenbrille 2001 gehe ich davon aus, dass es sehr wohl möglich sein dürfte.
Katastrophale Kontaktlinsenanpassung, die im Riss des Tränenfilms L und einer Entzündung beider Augen endet.
5 Augenarztkontrollen innerhalb von 3 Wochen.
Chaotische Fusion 1/2008, tw. Verlust der Suppression
In dieser Zeit bekomme ich zunehmend Doppelbilder, bis die Doppelbilder permanent sind.
Wenn die Prismenbrille von 2006 aufsetze beruhigen sich die Doppelbilder kurzfristig, und kommen dann zurück.
Wenn ich die Prismenbrille absetze, habe ich zunächst viele Doppelbilder, die dann mit der Zeit abnehmen.
Mitte Januar 2008 vertrage ich die Prismenbrille nicht mehr (30 Minuten Tragen/45 Minuten Übelkeit)
Ich beschließe, die Brille ganz wegzulassen.
Besuch beim Hausarzt. Inzwischen habe ich das Forum hier gefunden und weiß, wonach ich fragen muss.
OP 2008
Blitz-Überweisung an die Uniklinik Leuven.
Diagnose akkomodativer Konvergenzexzess, tw. ausgesetzte Suppression, keine Horror fusionis.
Meine Strategie, die Brille ganz wegzulassen wird als “pfiffig” bewertet. Dann kann die Suppression zumindest teilweise wieder einsetzen.
Zur Zeit zwischen erster Untersuchung und OP s.o.
3 Wochen später die rettende OP (s.o.) an der horizontalen Basis, nach der sich ein (der historische??) Mikroschieler wieder herausbildet.
Was hätte anders laufen können/sollen/müssen?
Bis 2008 war ich mir meines (zwischendurch latenten) Sehproblems nicht bewusst; ich wusste nicht, dass ich einen besonders spezialisierten Augenarzt brauche. Die Augenärzte, bei denen ich in der Zwischenzeit immer regelmäßig war, haben mit meinen Augen nichts anfangen können. Mit denen konnte man ja alles anstellen, bis auf Binokulartests, da habe ich regelmäßig “versagt”. Ein Rückschluss auf mein nicht vorhandenes Binokularsehen und ggf. weitergehende Probleme wurde daraus nicht gezogen.
Die beiden Optiker, die mich in den 38 Jahren behandeln durften (ich arbeite NUR mit Stammoptikern), haben ihrerseits über die Methoden der Augenärzte geschimpft.
Mich als Patientin/Klientin hat das mit einem massiven Vertrauenskonflikt versehen, der sich hier im Forum auch bei anderen in verschiedenen Threads artikuliert (Tenor Wem kann man glauben?, Wer macht was?).
Mir war nie bewusst, dass ich vermeiden sollte eine Fusion meiner Augen zu erreichen, solange nicht bekannt ist, ob ich eine Anlage zur Korrespondenz habe. Jetzt habe ich habe großes Glück! Meine Teilkorrespondenz reicht anscheinend für ein subnormales Binokularsehen inklusive Fusion (meinem Empfinden nach L gut, R subnormal).
Das gutgemeinte Einspringen meiner Optiker für das Behandeln meines Mikroschielers/latenten Schielens/einer vermeintlichen assoziierten Heterophorie ohne vorherige Bestimmung des Binokularsehens (inkl. Korrespondenz) hat zwar (vor den Prismenbrillen) über gut 2 Jahrzehnte mehr oder minder gut funktioniert, mich aber (nach den Prismenbrillen) mit 41 in eine chaotische Fusion schlittern lassen, die als Horror fusionis hätte enden können.
Für mich als Patientin/Klientin stellt das ein inakzeptables Risiko dar.
Wenn mich Betroffene heute fragen würden, würde ich immer eine Abklärung des Binokularstatus durch einen Strabologen/Orthopisten empfehlen.
Meine Sicht auf die MKH-Richtlinien
Im Verlauf der vergangenen Monate habe ich ich als Patientin mit Interesse die Diskussion über Winkelfehlsichtigkeit (assoziierter Heterophorie) vs. Schielen verfolgt. Ich bin zwar nach wie vor Laiin, jedoch sind mir einige grundsätzliche Züge der Diskussion aufgefallen, die ich mit meiner (wissenschaftstheoretischen) Vorbildung zu beurteilen wage
Die MKH-Richtlinien beziehen sich auf Winkelfehlsichtigkeit (lt. Definition des IVBV gleichzusetzen mit “assoziierter Heterophorie”). Dabei handelt es sich um eine Form des beidäugigen Sehens (Heterophorie = beidäugig). In den Richtlinien habe ich jedoch keine Stelle gefunden, in der die Abklärung des beidäugigen Sehens vor dem Anpassen einer Prismenbrille verlangt würde. Bei mir war beidäugiges Sehen nicht oder nur rudimentär vorhanden.
Erklärung Durch die Penalisation ab dem 4. Lebensjahr wurde eine Aufgabenteilung in L für die Ferne, R für die Nähe erreicht. Dabei ist ein Übergangsbereich von 1-3 m entstanden, in dem beide Augen gleichberechtigt agieren können. Das ist der Bereich, in dem ich z.Zt. stabiles räumliches Sehen habe. Darunter (bis 1m) dominiert bei mir R oder L, je nach Korrektur (kein räumliches Sehen) , darüber L (räumliches Sehen) oder R (kein räumliches Sehen).
Diese Mischung aus – ich nenne es mal dissoziiertem und assoziierten – Sehen, ist für den Untersuchenden nur schwer festzustellen, am ehesten kann ich als Patientin/Klientin darauf hinweisen, sofern ich denn weiß, worauf ich achten muss.
Meine Kernkritik an den MKH-Richtlinien bezieht sich auf folgendes Zitat (S.15)
“Um den Zusammenhang der geschilderten Probleme mit dem Binokularsehen beurteilen zu können, wird er besonders achten auf
− Kopfschmerz,
− störende Lichtempfindlichkeit,
− schnelle Ermüdung bei anspruchsvollen Sehaufgaben,
− Schwierigkeiten beim Wechsel von Blickrichtung und/oder Sehentfernung,
− Probleme beim Nahsehen,
− Fixationsschwierigkeiten,
− Unruhe der visuellen Wahrnehmung,
− Schwierigkeiten beim Schätzen von Entfernungen und Geschwindigkeiten,
− gelegentliche Diplopie,
− Probleme beim Lesen und Schreiben, vor allem bei Kindern.
Ärztliche Untersuchungen sollen zusätzlich oder vorausgehend empfohlen werden, insbesondere dann, wenn Störungen vorliegen, die nicht nur durch Fehlsichtigkeiten erklärt werden können.”
Habe ich richtig begriffen habe, dass alle aufgelisteten Beschwerden können ebenso auf Schielen wie auf Winkelfehlsichtigkeit/assoziierte Heterophorie hindeuten können? - Meiner am eigenen Körper gesammelten Erfahrung nach, sollte Schielen vorher ausgeschlossen werden.
Die Diskussion darüber überlasse ich interessiert der behandelnden Fachwelt.
Versorgung von Schielern
Zum Abschluss ein Wort zur Versorgung von Schielern
Am Beispiel Flanderns kann ich heute erleben, dass Schieluntersuchungen zur frühkindlichen bzw. kindlichen bis einschließlich Grundschulalter Standardvorsorge gehören, hier durchgeführt u.a. durch Schulärzte, Ärzte in Vorschulen (die hier den Schulen angeschlossen sind) und bei Babys (Schieler-Screening von 0-12). Tatsächlich kann schielenden Kindern damit schnell und z.T. schon ab einem Alter von 7 Monaten geholfen werden. Die Kinder erhalten somit eine viel größere Chance auf normale Binokularität, als es meine schielenden Altersgenossen (um die 40) es je werden erfahren können.
Für meine Altersgruppe finde ich es vor diesem Hintergrund umso wichtiger, dass Optiker, Augenärzte, Strabologen, Orthoptisten und Neurologen sich (endlich?) regelmäßig untereinander fachlich austauschen und der Begriffsverwirrung (Winkelfehlsichtigkeit vs. assoziierte Heterophorie / Heterophorie vs. latentes Schielen) ein Ende bereitet wird.
Suppression und "dissoziiertes" Sehen (Monoaugen) sind für Schieler, wie mich, hochnützlich. Werden sie durch eine Anregung zum binokularen Sehen zerstört, ist das Ergebnis mit starken, in schlimmen Fällen permanten, Sehbeschwerden verbunden.
Mein Appel an die IVBV
Darum hier hier mein ganz persönlicher und konkreter Appel an die IVBV, ihre Mitglieder auf die mit der Entgleisung von Schiel:wink:eln und auf die mit der Anregung binokularen Sehens - ohne eine vorherige genaue Abklärung des Binokularstatus - verbundenen Risiken hinzuweisen.
Masuku