Liebe(r) Poldi,
ich schreibe Dir als überzeugter und rundum zufriedener Träger einer noch etwas stärkeren Prismenbrille. Ich sehe mich jedoch als mündigen Verbraucher und habe mich intensiver mit dem Thema Prismenbrille beschäftigt, bevor ich mich in das Abenteuer gestürzt habe, nicht zuletzt besitze ich aus dem Studium-Teilbereich Physik aber auch einige Kenntnisse der Optik. Folglich schreibe ich Dir hier in erster Linie als stark interessierter Laie und nicht als Experte.
Eberhard und Burkhard haben einerseits völlig Recht mit ihren Aussagen, daß gemäß den Regeln der MKH keine Prismen gegeben werden sollen, wenn keine Probleme im Sehen bestehen, und daß Deine optische Messung und die an sich vor Bestellung einer Prismenbrille notwendige Beratung, so wie Du sie hier berichtest, nicht optimal gelaufen sind. Dabei waren wir aber alle nicht, sogesehen kann man nur von Deinem Bericht ausgehen.
Nachdem die Brille nun bestellt ist, und Du zwar einige Zweifel hast, aber durchaus ein gewisses Interesse am Versuch zeigst, möchte ich einfach ein paar Punkte nennen, damit Du für Dich - und nur Du für Dich - eine mündige Entscheidung treffen kannst. Falls diese in der Beratung doch schon angesprochen wurden oder Dir schon bekannt sind, umso besser.
1. Du schreibst von einem Wert von 13, normalerweise wird in pdpt/Prismendioptrien gleich cm/m Abweichung gemessen, d.h. wenn Du eine Abweichung von 13 Prismen hast, wollen Deine Augen, wenn Du einen Gegenstand in 1m Entfernung anschaust, recht deutliche 13cm aneinander vorbeischauen. Weißt Du zufällig, in welche Richtung Deine Augen falsch stehen wollen, wollen sie nach innen, außen oder in der Höhe abweichen, oder wurde neben dem Wert 13 noch von Basis außen, innen oder oben/unten gesprochen? Oder hast Du eine Auftragsbestätigung mit den bestellten Werten bekommen, wo Du nachschauen könntest?
2. Du schreibst nicht, wie stark kurzsichtig Du bist, aber wurde mit Dir darüber gesprochen, wie dick Deine Brillengläser werden? Wenn wir annehmen, daß Du wirklich 13 Prismendioptrien in die Brille bekommst, dann werden diese normalerweise auf beide Augen verteilt, d.h. vor jedes Auge bekommst Du 6,5 Prismendioptrien. Das Prisma ist dabei wie ein Keil, an der einen Seite ganz dünn, und an der Basis dick. Bei einer normal großen Brille bringen Dir 6,5 Prismen je Auge eine zusätzliche Glasdicke von ca. 5 bis 7 mm auf der Basis-Seite, d.h. die Brille wird ein ziemlicher Brocken. Je nachdem in welche Richtung Deine Abweichung geht, z.B. außen zu den Ohren bei Innenschielen/Basis außen oder an der Nase bei Außenschielen/Basis innen, oder das eine Glas oben und das andere unten bei einer Höhenabweichung.
3. Wurde Dir die größenmäßige Bedeutung Deines Messwertes 13 generell erklärt? Der Glashersteller Zeiss definiert z.B. in Auswertungen drei Kategorien für die Prismenstärke, da liegst Du mit Deinen 6,5 je Auge schon direkt in der höchsten Kategorie (die beginnt bei 6 pro Glas, und nur ca. 5% aller Prismengläser sind bei Zeiss überhaupt in dieser höchsten Kategorie).
4. Wenn der Wert von 13 richtig ist, wirst Du die Brille vermutlich relativ schnell zu schätzen wissen, aber Du wirst wohl auch abhängig davon werden, insofern, als daß Du nach einigen Monaten tragen morgens beim Aufwachen, in der Dusche etc. ohne die Brille in einigen Entfernungen dauerhafte Doppelbilder haben wirst, und alte Brillen nicht mehr funktionieren werden. Falls Du früher auch gelegentlich Kontaktlinsen getragen hast, kannst Du Dich davon nach Gewöhnung an die Prismen ebenfalls verabschieden. Generell könnten Deine Augen trotzdem auch wieder von den Prismen entwöhnt werden, aber das wird im Zweifelsfall dann auch einige Zeit brauchen.
5. Bei einem doch schon so deutlichen Einstiegswert wird relativ oft auch davon ausgegangen, daß ein weiterer Anstieg des Prismenwertes zu befürchten ist, und es eventuell in einer Schiel-OP endet.
Wenn Dich alle diese Punkte nicht total abgeschreckt haben, möchte ich Dich ermutigen, der Prismenbrille eine Chance zu geben, denn:
1) Wurden Dir vielleicht etliche Fragen gestellt zu Deinem Sehen, wo womöglich doch einige weitere "Probleme" für den Optiker herausgekommen sind, die Dir nur noch nicht so aufgefallen sind? Hier kann man ja darüber nachdenken, ob ggfls. die vom Optiker festgestellten, aber von Dir bisher nicht so deutlich empfundenen Probleme ggfls. als Rechtfertigung ausreichen.
2) Auch wenn Du betonst, keine Beschwerden zu haben, wenn Du beim Sehtest nicht stereoskop sehen konntest, ist es mit Deinem räumlichen Sehen vermutlich nicht gerade gut bestellt, oder es könnte zumindest verbessert und entspannter werden. Gerade als Verkehrsteilnehmer sollte Dir in Deinem eigenen Interesse und auch im Interesse aller anderen Verkehrsteilnehmer daran gelegen sein, bestmöglich zu sehen, um Unfälle bestmöglich vermeiden zu können. Als jemand, der häufig auf deutschen Autobahnen und in verschiedenen Städten unterwegs ist, gehe ich zwar auch bei den meisten "ohne-zu-gucken-Spurwechslern" einfach von Unaufmerksamkeit sowie bei den meisten "Kunstparkern" von mangelndem Fahrvermögen aus, aber einigen davon könnte vermutlich auch mit einer ordentlichen (Prismen)Brille geholfen werden.
3) Gewöhne Dich lieber jetzt schon daran, denn spätestens wenn es in 10-15 Jahren um die erste Gleitsichtbrille geht, wirst Du unter Umständen um die Prismen nicht mehr rumkommen, wenn Deine Augen dann eine stabile Prismenstärke haben, sparst Du viel Geld. Bei mir wurden die Prismen erst entdeckt, als ich mit keiner Gleitsichtbrille klar kam, das hat schon einiges Geld gekostet.
4) Im Nachhinein wurde mir z.B. vieles durch die Prismenbrille klar, ich habe mit einem Wert von 3 pro Auge angefangen und bin dann nach einem Jahr wegen deutlicher Verbesserung aber noch bestehenden Problemen auf 7,5 pro Auge gesprungen, seitdem hat sich vieles verbessert. Ich war z.B. früher nie gut in Mannschaftssportarten oder Tennis, mittlerweile habe ich im Tennisclub trotz oder dank dicker Brille einige Pokale errungen. Ich hatte immer Probleme, wenn mir jemand etwas zu schnell "vor die Nase gehalten hat", da hatte ich einen regelrechten Fluchtinstinkt, und bei den ersten Sonnenstrahlen war eine Sonnenbrille immer schnell auf der Nase. Ich habe soviele Verbesserungen bemerkt, daß ich auch meine dicke Brille wirklich gerne trage.
Zu Deinem Augenarzt-Termin kann ich auch nur sagen, laß Dich überraschen. Bei mir war es ein Augenarzt, der nach zahlreichen Versuchen bei "der" Optiker-Kette zum ersten Mal Licht ins Dunkle brachte, in dem er mich als erster auf die leichte Schielneigung aufmerksam machte. Andererseits war er aber auch der Ansicht, daß eine reine PC-Brille mit den gesamt 6 Prismen reichen würde, weil meine Gleitsicht ja auf die Ferne funktionierte, und ich mir bloß nicht für jede Entfernung die Prismen aufschwatzen lassen sollte.
Ich hoffe, Dein Augenarzt hat eine Sehschule oder Orthoptistin mit in der Praxis, denn das ist die Spezialabteilung für Prismen.
Eines noch: wenn Du die Prismenbrille abholst, sollte sie Dir in einer sogenannten Einrastsitzung angepaßt werden, dabei bekommst Du nochmal die Meßbrille auf, und Deine Augen werden langsam in den Zielwinkel gebracht, und erst dann sollst Du durch Deine neue Brille gucken, diese dann aber wenn möglich auch bis zum Schlafen auflassen und am nächsten Morgen gleich wieder aufsetzen, ein häufiger Wechsel zur alten Brille wäre da kontraproduktiv.
Bitte berichte auf jeden Fall, wie es Dir weiter ergangen ist, viel Erfolg und entspannteres Sehen!
Gruß vom Bürotiger
PS: Eine meiner Meinung nach recht ordentliche Abhandlung zum Thema Winkelfehlsichtigkeit und den unterschiedlichen Sichtweisen von Optiker und Augenärzten findest Du unter http://de.wikipedia.org/wiki/Winkelfehlsichtigkeit