Hallo,
erst mal, es gibt keine dummen Fragen. Deine Tochter hat sogar das Glück, Eltern zu haben, die sich um die weitere Behandlung kümmern und sie auch verstehen wollen. Das sind schon mal gute Voraussetzungen.
Und ja, mein Kind trägt eine Brille und ist ein Innenschieler, der seit ca. 2,5 Jahren in Behandlung ist. Seit einen halben Jahr trägt er eine Prismenfolie zu Stabilisierung und Aufbau seiner Binokularfunktionen auf der Brille. Sie dient auch der Vorbereitung einer möglichen OP.
Um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, eine Brille ersetzt eine medizinisch notwendige OP nicht und umgekehrt. Es ist bei Schielkinder immer zu prüfen, ob eine Brille erforderlich ist. Bei Schielkindern wird i.d.R. jede Fehlsichtigkeit, auch geringe, mittels Brille korrigiert. Eine Brille entlastet das Sehsystem und nimmt bei bestimmten Schielformen Einfluss auf den Schielwinkel, indem sie ihn reduziert. Der oftmals noch vorhandene Restschielwinkel ist je nach Befund weiter zu therapieren.
Normalerweise wird also im ersten Schritt immer die Notwendigkeit einer Brille überprüft, unabhängig von der Schielart. Dazu wird ein altersgemäßer Sehtest durchgeführt. Bei 4-jährigen Kinder ist ein Sehtest mit E-Haken bereits möglich, sie müssen also nicht lesen können, sondern die Richtung der Haken angeben. Das Ergebnis gibt Aufschluss über den Visus (Sehschärfe). Auch die Binokularfunktionen, insbesondere das räumliche Sehen wird kontrolliert. Häufig wird dazu der Stereo-Lang-Test verwendet. Dies ist ein Bild mit vielen schwarz/weissen Punkten, auf dem Kinderfiguren (z.B. Auto, Katze) bei Vorhandensein von räumlichen Sehen erkennbar sind. Vermutlich hat man dies auch Deiner Tochter gezeigt. Bei Verdacht auf Schielen kommen noch verschiedene Auf- und Abdecktests zur Anwendung, die Aufschluss über die Schielart und Größe des Schielwinkels geben (vermutlich das mit der Augenklappe). I.d.R. gibt es dann einen erneuten zeitnahen Termin zur Refraktionsbestimmung.
Bei Kindern wird i.d.R. eine objektive Refraktionsbestimmung mit weitgetropften Augen durchgeführt. Mit dieser werden die genauen Brillenwerte ermittelt. Dann bekommt man vom Augenarzt eine Sehhilfenverordnung und geht damit zum Optiker, der Erfahrung mit der Anpassung von Kinderbrillen hat. Dort sucht sich das Kind dann eine coole kindgerechte Brille aus. Zu einer Erstuntersuchung gehört natürlich auch immer das gesamte augenärztliche Untersuchungsprogramm, um organische Ursachen für eine Fehlsichtigkeit auszuschliessen. Bei plötzlichem Schielen ist u.U. auch eine neurologische Untersuchung in Erwägung zu ziehen.
Nach ca. 4-6 Wochen der Gewöhnung an die Brille, hat man einen neuen Termin beim Augenarzt. Wiederum wird die Sehschärfe mittels Sehtest geprüft. Ebenfalls die Binokularfunktionen und das Verhalten des Schielwinkels. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Fixationsprüfung. Je nach Befund wird die weitere Therapie eingeleitet. Bei z.B einer bereits eingetretener Sehschwäche (Amblyopie) kann eine Okklusiontherapie (Auge abkleben) erforderlich sein, um die Sehschärfe wieder auf ein altersgemässes Niveau zu steigern. Daher meine Frage, was passiert, wenn Du Deiner Tochter das nicht-schielende Auge zudeckst? Bei Kindern mit bereits vorhandener Sehschwäche kommt es häufig zu Abwehrreaktionen, wenn man versucht, das gute Auge abzudecken, Sie sehen ja dann deutlich schlechter.
Und dann befindet man sich i.d.R. in einem 3-monatigen Kontrollrythmus.
Abhängig vom Befund, können Prismen verordnet werden, um den Schielwinkel auszugleichen. Die prismatische Wirkung führt zu einem beidäugigen Einfachsehen, was die Grundvoraussetzung aller weiteren Binokularfunktionen ist. Sie dienen ebenfalls u.a. als Vorbereitung einer OP. Beim Vorliegen einer Schielerkrankung mit entsprechenden Voraussetzungen werden sie ebenfalls im ersten Schritt als Prismenfolie vom Augenarzt verordnet. Aber alles schön Schritt für Schritt, um das ohnehin labile System nicht völlig aus der Bahn zu werfen.
Das von mir hier Beschriebene ist eine Möglichkeit der Vorgehensweise, letztlich hängt es aber vom Befund ab, besonders der Therapieverlauf nach einer evtl. Brillenverordnung. In Eurem Fall ist daher unbedingt zu klären, ob nun ein normosensorisches Spätschielen vorliegt bzw. um welche Schielform es sich handelt.
So, und jetzt zu Deinen weiteren Fragen. Das Berufsfeld der Orthoptik (veraltet Sehschule) wird nahezu ausschließlich von Frauen ausgeübt. Daher ist es gut möglich, dass die Dame die Orthoptistin war. Sie arbeitet für gewöhnlich mit einem Augenarzt zusammen und befasst sich mit allen Formen des gestörten Binokularsehens, sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen. Sie sollte also Eure erste Ansprechpartnerin sein und die erforderlichen Untersuchungen einleiten bzw. durchführen.
Wann ist denn nun Euer nächsterTermin???
Wenn Du kein gutes Gefühl hast (und diesen Verdacht habe ich bei Dir), wechsle den Arzt und vereinbare dort einen schnellen Termin! Diese Praxis sollte natürlich auch über eine Sehschule/Orthoptistin verfügen.
Aus eigener Erfahrung kann ich Dir raten, in Gegenwart Eures Kindes nicht über Schielen, OP etc. zu sprechen. Kinder sind sensibel, und dass etwas nicht in Ordnung ist, weiss sie ja schon. Alles andere ist eine zusätzliche Belastung. Wir haben Verwandte/Freunde darum gebeten, dies nicht zu tun und bitte auch unserem Sohn nicht ständig ins Gesicht zu starren, obwohl er zu Therapiebeginn noch jünger war. Die Brille gehört zu seinem Alltag, ist selbstverständlich wie bei vielen Menschen auch. Auch seine Freunde akzeptieren dies ohne Probleme wie Hänseleien etc.. Fragen aus kindlicher Neugier werden altersgerecht beantwortet und bisher lief alles gut.
Ich wünsche Euch weiter alles Gute und bleibt am Ball.
LG Kugelblitz p-[